TOD

„Ich hab keine Angst zu sterben. Ich will nur nicht gerade dabei sein, wenn´s passiert.“

Witz oder Tiefsinn? Typisch Woody Allen – der Zuschauer lacht, aber nicht ohne ein Gefühl von Wahrheit. In seinem frühen Stück TOD, das Allen, rund zwei Jahrzehnte später, in seinem Film „Schatten und Nebel“ verarbeitet hat, versetzt ein Serienmörder die Stadt in Panik – und eine Bürgerwehr versucht ihn zu fangen, nach einem vermeintlich genialen Masterplan. Nur Kleinman, ein zerstreuter, eigenbrötlerischer Buchhalter, der nicht einmal die Zuneigung seiner Haushälterin bermerkt, hat mal wieder keine Ahnung – und sucht seine Aufgabe im großen Plan. Doch es geht ihm wie Herrn K. bei Kafka: Wen er auch fragt, keiner kann ihm helfen …
Wir spielten die Komödie an vier Abenden jeweils um 20 Uhr im Theaterkeller der Schule:
Mittwoch, 8. Dezember
Donnerstag, 9. Dezember
Montag, 13. Dezember
Dienstag, 14. Dezember 2010





DIE MITWIRKENDEN:

KLEINMAN

 

Philipp Heimbeck

HACKER, Bürgerwehr

 

Florian Kaiser

SAM, Bürgerwehr

 

Andrea Siebentritt

JOHN, Bürgerwehr

 

Verena Voit

VICTOR, Bürgerwehr

 

Anne Scherer

ALLY, Bürgerwehr

 

Anja Gürtler

ANNA

 

Franziska Meixner

ÄRZTIN

 

Belle Eberhardt

GINA

 

Vanessa Bock

PHILOSOPH

 

Thomas Hertel

FRANK, Bürgerwehr 2

 

Svenja Kreye

POLIZIST

 

Simon Krauß

zwei Sanitäter

 

Franziska Meixner, Fabian Hacker

BILL, Bürgerwehr 2

 

Florian Kaiser

DON, Bürgerwehr 2

 

Thomas Hertel

HENRY, Bürgerwehr 2

 

Hoai Cao

SPIRO, Hellschnüffler

 

Bettina Wagner

ASSISTENTIN Spiros

 

Jenny Weber

FAN Spiros

 

Belle Eberhardt

ABE

 

Fabian Hacker

Regie, Bühnenbild, Requisiten, Kostüme, Schminke:

 

der Kurs

Hilfe beim Bühnenbild:

 

Thomas Schöffel

Hilfe bei den Kostümen:

 

Villa Kunterbunt, Bindlach

Leitung:

 

Elmar Hofmann



Anmerkungen zu Woody Allens TOD

Der kleine jüdische Intellektuelle, der in mehr oder minder chaotischen Systemen mit den Tücken des Alltags kämpft - seit 40 Jahren ein Lieblingsthema des Regisseurs Woody Allen, der dieser Tage seinen 75. Geburtstag feierte. Oft spielen die Filme in New York, manchmal auch in anderen Großstädten.
Nicht so in Woodys Stück TOD: Hier ist die Hauptfigur auch kein Schriftsteller, Filmemacher, Künstleragent oder Kritiker, sondern ein schlichter, etwas langweiliger Buchhalter. Und hier wird deutlicher, dass Allens Lieblingsthema kafkaeske Züge hat! Kleinman, der in TOD seine Aufgabe im "großen Plan" sucht, aber immer wieder nur auf sich allein zurückgeworfen wird, hat unleugbare Ähnlichkeit mit Josef K., der wissen will, wessen er angeklagt ist!
Allens Film "Schatten und Nebel" (1992), der auf dem Stück TOD basiert, visualisiert diese Nähe mit seiner an den frühen deutschen Stummfilm (z. B. "Der Golem", 1913) gemahnenden Schwarzweiß-Optik, die wir mit einem strikt reduzierten Bühnenbild nachempfinden wollen. Der Mörder ohne Motiv findet sich z.B. auch in Kafkas Erzählung "Ein Brudermord".
Ist TOD also ein tiefsinniges, ernstes Stück? Der Philosoph würde antworten: "Ich weiß es nicht, Kleinman. Lass und darüber nachdenken."



Franz Kafka: Ein Brudermord

Es ist erwiesen, daß der Mord auf folgende Weise erfolgte:
Schmar, der Mörder, stellte sich gegen neun Uhr abends in der mondklaren Nacht an jener Straßenecke auf, wo Wese, das Opfer, aus der Gasse, in welcher sein Büro lag, in jene Gasse einbiegen mußte, in der er wohnte.
Kalte, jeden durchschauernde Nachtluft. Aber Schmar hatte nur ein dünnes blaues Kleid angezogen; das Röckchen war überdies aufgeknöpft. Er fühlte keine Kälte; auch war er immerfort in Bewegung. Seine Mordwaffe, halb Bajonett, halb Küchenmesser, hielt er ganz bloßgelegt immer fest im Griff. Betrachtete das Messer gegen das Mondlicht; die Schneide blitzte auf, nicht genug für Schmar; er hieb mit ihr gegen die Backsteine des Pflasters, daß es Funken gab; bereute es vielleicht; und um den Schaden gutzumachen, strich er mit ihr violinbogenartig über seine Stiefelsohle, während er, auf einem Bein stehend, vorgebeugt, gleichzeitig dem Klang des Messers an seinem Stiefel, gleichzeitig in die schicksalsvolle Seitengasse lauschte.
Warum duldete das alles der Private Pallas, der in der Nähe aus seinem Fenster im zweiten Stockwerk alles beobachtete? Ergründe die Menschennatur! Mit hochgeschlagenem Kragen, den Schlafrock um den weiten Leib gegürtet, kopfschüttelnd, blickte er hinab.
Und fünf Häuser weiter, ihm schräg gegenüber, sah Frau Wese, den Fuchspelz über ihrem Nachthemd, nach ihrem Manne aus, der heute ungewöhnlich lange zögerte.
Endlich ertönt die Türglocke vor Weses Büro, zu laut für eine Türglocke, über die Stadt hin, zum Himmel auf, und Wese, der fleißige Nachtarbeiter, tritt dort, in dieser Gasse noch unsichtbar, nur durch das Glockenzeichen angekündigt, aus dem Haus; gleich zählt das Pflaster seine ruhigen Schritte.
Pallas beugt sich weit hervor; er darf nichts versäumen. Frau Wese schließt, beruhigt durch die Glocke, klirrend ihr Fenster. Schmar aber kniet nieder; da er augenblicklich keine anderen Blößen hat, drückt er nur Gesicht und Hände gegen die Steine; wo alles friert, glüht Schmar.
Gerade an der Grenze, welche die Gassen scheidet, bleibt Wese stehen, nur mit dem Stock stützt er sich in die jenseitige Gasse.
Eine Laune. Der Nachthimmel hat ihn angelockt, das Dunkelblaue und das Goldene. Unwissend blickt er es an, unwissend streicht er das Haar unter dem gelüpften Hut; nichts rückt dort oben zusammen, um ihm die allernächste Zukunft anzuzeigen; alles bleibt an seinem unsinnigen, unerforschlichen Platz. An und für sich sehr vernünftig, daß Wese weitergeht, aber er geht ins Messer des Schmar.
"Wese!" schreit Schmar, auf den Fußspitzen stehend, den Arm aufgereckt, das Messer scharf gesenkt. "Wese! Vergebens wartet Julia! " Und rechts in den Hals und links in den Hals und drittens tief in den Bauch sticht Schmar. Wasserratten, aufgeschlitzt, geben einen ähnlichen Laut von sich wie Wese.
"Getan", sagt Schmar und wirft das Messer, den überflüssigen blutigen Ballast, gegen die nächste Hausfront. "Seligkeit des Mordes! Erleichterung, Beflügelung durch das Fließen des fremden Blutes! Wese, alter Nachtschatten, Freund, Bierbankgenosse, versickerst im dunklen Straßengrund. Warum bist du nicht einfach eine mit Blut gefüllte Blase, daß ich mich auf dich setzte und du verschwändest ganz und gar. Nicht alles wird erfüllt, nicht alle Blütenträume reiften, dein schwerer Rest liegt hier, schon unzugänglich jedem Tritt. Was soll die stumme Frage, die du damit stellst?"
Pallas, alles Gift durcheinanderwürgend in seinem Leib, steht in seiner zweiflügelig aufspringenden Haustür. "Schmar! Schmar! Alles bemerkt, nichts übersehen." Pallas und Schmar prüfen einander. Pallas befriedigt's, Schmar kommt zu keinem Ende.
Frau Wese mit einer Volksmenge zu ihren beiden Seiten eilt mit vor Schrecken ganz gealtertem Gesicht herbei. Der Pelz öffnet sich, sie stürzt über Wese, der nachthemdbekleidete Körper gehört ihm, der über dem Ehepaar sich wie der Rasen eines Grabes schließende Pelz gehört der Menge.
Schmar, mit Mühe die letzte Übelkeit verbeißend, den Mund an die Schulter des Schutzmannes gedrückt, der leichtfüßig ihn davonführt.



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