Andreas Keßler nennt sein Stück "Dead Bodies Talk" - es ist eine groteske Komödie mit ernstem Thema.

Eine junge Frau erwacht in einem dunklen Raum auf einer Bahre und muss sich der Situation stellen, dass sie offenbar gestorben ist. Zusammen mit zwei weiteren Personen mit einem ähnlichen Schicksal versucht sie herauszufinden, warum sie in einer Art 'Zwischenwelt' festzustecken scheinen.

Nach und nach zeigt sich: alle Hauptfiguren haben Geheimnisse, vor sich selbst und vor anderen ... tiefe Wasser eben ... und im Mittelpunkt der Geheimnisse steht ein See, in dem man untergehen kann, wenn man will ...

Der Theaterkurs der Oberstufe am GMG arbeitete in den ersten Monaten des Jahres 2020 am Stück, entwickelte die Charaktere ...
Geplant waren eigentlich Aufführungen am 9., 14. und 15. Juli 2020 sowie bei den Schultheatertagen.

Und dann kam Corona ...

So blieb nur, für den Jahresbericht einen wehmütg-ironischen Bericht über ein nicht gespieltes Stück zu schreiben:




In Tiefes Wasser gefallen


Ein Bericht über ein unmögliches Theaterprojekt


Hätten wir einen "Klappentext" fürs Programmheft der Schultheatertage gebraucht, er hätte ungefähr so lauten können: "Eine junge Frau erwacht in einem dunklen Raum auf einer Bahre und muss sich der Situation stellen, dass sie offenbar gestorben ist. Zusammen mit zwei weiteren Personen mit einem ähnlichen Schicksal versucht sie herauszufinden, warum sie in einer Art 'Zwischenwelt' festzustecken scheinen." Darum geht´s in "Tiefes Wasser", einem Stück von Andreas Keßler. Das freilich eigentlich "Dead Bodies Talk" heißt. Oder noch eigentlicher "Leichen lügen nicht". Makabre Titel, die vielleicht 2019 noch lustig klangen, aber im März 2020 uns doch zunehmend unpassend erschienen.
Also "Tiefes Wasser": ein guter Titel, dunkel-bedrohlich mit schönem tiefenpsychologischem Touch. Und ein See, tief genug zum Ertrinken, ist auch ein Dreh- und Angelpunkt unserer Geschichte, die wir beinahe aufgeführt hätten.
Denn die sensible junge Maria - die von Nina Dötsch wunderbar temperamentvoll gespielt würde - erlebt an diesem See entscheidende Augenblicke ihres Lebens. Es ist der Ort, an dem sich vor Jahren ihre Mutter das Leben nahm. Der Ort, an dem sie sich innerlich von ihrem Vater entfremdet und dafür ihre Freundin Angelika findet. Der Ort, an dem sie sich vielleicht selbst das Leben nimmt. Und der Ort, an dem sie ihren Vater wiedertrifft - eine emotional beeindruckende Szene, die an die Hadesvision in der Iphigenie erinnert. Bert Friedrich zöge hier alle Register der Wandlungsfähigkeit: Sein Michael, der sonst fluchend, schreiend und voller Wut durchs Stück tobt, ist hier von milder, buchstäblich erlöster Heiterkeit. Um einige Minuten später wieder umso mehr zu rasen.
Aber auch die Rolle der Angelika, etwas älter als Maria, hat ganz verschiedene Seiten: Viola Griebel bewiese ihr ganzes Können, wenn sie Angelikas ganze Trauer im Monolog offenlegt, andererseits aber mit souveräner Fassung andere tröstet und beherzt Michael zurechtweist. Als Marias Großmutter Elisabeth hülfe Juliane Bresecke bei uns aus: Die Studentin des Darstellenden Spiels hat uns monatelang bei den Proben unterstützt und die Freude an der Improvisation befeuert - und wie selbstverständlich zugesagt, auch noch eine Rolle zu übernehmen. Ihre Theatererfahrung würde sich insbesondere darin zeigen, wie gut es Ihr gelänge, durch Beobachtung und Übung in die Körperhaltung, die Bewegungs- und Sprechweise eines alten Menschen hineinzuschlüpfen. Profihaft!
Noch keine Seniorin, aber über 50 und vor allem innerlich wie aus einem anderen Jahrhundert - das ist die Rolle der Ruth, der Mutter von Angelika. Lucie Rundholz würde hier alle Zuschauer verblüffen, ist diese Rolle doch in jeder Hinsicht das völlige Gegenteil der "echten" Lucie, und trotzdem glaubte man ihr jedes zynische Wort, jeden abschätzigen Blick.
Und wer Demian Rothammel kennt - umtriebiger Umweltdemoorganisator, kongenialer Partner in Marco Marinos Kreativteam, genialer Sudokulöser - wäre auch überrascht, wie überzeugend Demian den akkuraten Beamten Peter verkörpert, der zunächst herausfinden will, wer ihn eigentlich warum umgebracht hat. Im Stückverlauf würde dann deutlich, dass auch Peter ein komplexer Charakter ist: Aus Selbsttäuschung und Verdrängung baut auch er an seiner Lebenslüge, genau wie Michael, Ruth und Angelika. Stille Wasser sind eben tief.
Spielfreude! Das ist das Wort, das die Leistung der Gruppe am besten träfe, wenn es zu den Aufführungen von "Tiefe Wasser" käme. Schon unsere Impros im Winterhalbjahr waren so mitreißend, so spontan und lustig, dass wir beschlossen hatten, auch am Tag der Offenen Tür - der am 28. März hätte sein sollen - Impros vor den Grundschüler-Gruppen zum Besten zu geben, so richtig auf Zuruf. Ich hatte mich schon sehr darauf gefreut. Und deshalb weiß ich, jawohl - ich weiß es: Auch mit "Tiefes Wasser" hätten Nina, Bert, Viola, Juliane, Lucie und Demian ihr Publikum begeistert! Bei den 3 Aufführungen im Juli im GMG-Theaterkeller. Und bei den Schultheatertagen am 14. Juli im ZENTRUM. Aber leider sind ja auch die ins Wasser gefallen.


Elmar Hofmann
Kursleiter und Fan




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