Raus aus Bayreuth

"Fucking Åmal"
von Lukas Moodysson



Meine erste Begegnung mit Lukas Moodysson, vor rund 15 Jahren, war sein Film "Lilja 4ever" - knallharter Stoff, eine unendlich traurige Geschichte über ein Mädchen aus Osteuropa in den Fängen von Mädchenhändlern und Zuhältern. Umso erstaunter war ich, als ich bei der Stücksuche für 2019 wieder auf den Namen Lukas Moodysson stieß und - für mich - Unerwartetes über seinen ersten, 1998 entstandenen Film las:

"Fucking Åmal" wurde - als Jugend-Problemfilm! - ein großer Kinoerfolg, in Norwegen z. B. der zweiterfolgreichste Film des Jahres (nach "Notting Hill"), und Gewinner zahlreicher Filmpreise bis hin zur Nominierung für den Europäischen Filmpreis.

Moodyssons Stückfassung überzeugte auch die acht Schauspieler/-innen in meinem Kurs - im Februar begann die Probenarbeit. Szene für Szene haben wir uns erschlossen, diskutiert, ggf. geändert, auch mal verworfen. Alles Schweden-Typische musste raus - und das ist nicht wenig. Natürlich wurde aus Åmal Bayreuth - und das arg plakative "Fucking …" haben wir dann doch lieber mit "Raus aus Bayreuth!" übersetzt.

Unser Bühnenbild ist bewusst schlicht und zeichenhaft gehalten und besteht im Wesentlichen aus zwei Tischen und vier Stühlen in verschiedenen Kombinationen; um ein Sofa, etwas Gartenmöbel, eine zusätzliche Wand und ein paar Plakate kamen wir aber nicht herum.

Wie so oft bei der Theaterarbeit (und nicht nur bei Shakespeare) zeigte sich die Qualität des Stücks nach und nach beim Eintauchen in seine Charaktere und in ihre Beziehungen zueinander. Man versteht den überfürsorglichen Vater Otto, auch die gestresste Mutter Brigitte; man hat Verständnis für den Möchtegern-Macho Marcus, der von seinem Ruf getrieben wird, und für seinen Kumpel Hannes trotz seiner Aufdringlichkeit. Die Gemeinheiten der körperlich behinderten Viktoria Alex gegenüber zeigen nur, wie sehr sie der Verlauf der Geburtstagsparty verletzt hat. Auf Jessica lastet schon die Verantwortung der älteren Schwester. Hinter Ellis Kratzbürstigkeit spürt man ihre tiefe Unsicherheit und Sehnsucht, für Alexandra ist das Andersseinwollen der einzig erträgliche Weg, was es ihr schwer macht, Freunde zu finden. Die zärtlichen Liebesszenen zwischen den beiden Mädchen berühren.

Alles in allem also: Echte Menschen, mit Ecken und Kanten, aber auch vielen liebenswürdigen Zügen.

Elmar Hofmann, Kursleiter








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