Terenz: Der Eunuch

Aufführungstermine:

Mittwoch, 1. Juli 1998
Donnerstag, 2. Juli 1998
Freitag, 3. Juli 1998

jeweils um 19.30 Uhr im Theaterkeller des Graf-Münster-Gymnasiums



Wie in Sodom und Gomorrha

oder: Wertmaßstäbe in „Der Eunuch“

Ein römisch-griechisches Stück, dazu noch ein klassisches, müßte doch geradezu vor Moral und Sitte strotzen, dachte ich. Klassischer Fall von „Denkste“.„Der Eunuch“ ist sogar ein ziemlich unmoralisches, unsittliches Stück, nicht im Sinn von „Liebesgrüße aus der Lederhose“ freilich; vielmehr wird die Sittenlosigkeit beim „Eunuchen“ zwischen Humor, brillant entworfenen Charakteren und „feiner“ Gesellschaft geschickt versteckt - bis nach und nach eigentlich alle Figuren irgendeine Beziehung zum Bordell entwickeln ...
Im Mittelpunkt des Geschehens steht das „Etablissement“ der Thais. Heutzutage würde dieses Freudenhaus im athenischen Rotlichtbezirk oder auf der Reeperbahn von Piräus liegen, hier aber hat anscheinend keine Stadtverwaltung etwas dagegen, dass das Freudenhaus in unmittelbarer Nachbarschaft zur achtbaren Gesellschaft eröffnet wurde; Simon etwa ist ja wahrlich ein ehrenwerter Mann.
Hure Thais, die Besitzerin, ist nicht etwa ein zerbrechliches, liebliches kleines Geschöpf, das von einem finsteren Zuhälter dazu gezwungen wird, auf den Strich zu gehen, wie es uns heutzutage nur allzu oft in Film und Fernsehen begegnet (eigentlich in jeder zweiten Folge von „Ein Fall für zwei“ oder „Derrick“), nein, sie prostituiert sich, weil sie Spaß an diesem Job hat.
Auch hat Phaidrias, Sproß einer durch und durch achtbaren Familie, keine Bedenken dabei, sich mit Thais einzulassen, und auch seinen Bruder hält nichts zurück, sich in eine vermeintliche Hure zu verlieben - und sie auch noch in einer Weise zu erobern, die einer Vergewaltigung ähnelt. Wie schwindet da unser Bild der edlen Griechen, Erfinder der Demokratie und Hochkultur am Mittelmeer! Sollten sie etwa nichts anderes als sexsüchtige, sittenlose Potenzprotze sein, die jedem Rock hinterherrennen? Eines muß man ihnen zugute halten: Ihre Götter haben es ihnen nicht viel besser vorgemacht - was der alte Zeus da so getrieben hat ... „Junge, Junge!“ (Zitat)
Um absolut keinen Deut besser ist Thraso, ein General, der ebenfalls ein Auge auf Thais geworfen hat. Man stelle sich vor: Ein General hat eine öffentliche Affäre mit einer Hure. Ich denke, das allein wäre heute Grund, unehrenhaft aus der Armee entlassen zu werden. Doch das ist nicht alles. Thraso wird als „Hohlkopf, ohne Charme und Witz“ beschrieben. Obendrein ist er ganz augenscheinlich bisexuell (aber das war im antiken Athen ja bekanntermaßen keineswegs ehrenrührig). Wo sind die Helden in strahlenden Rüstungen, voller Enthusiasmus und Mut geblieben? Thraso, abgesehen von den Hallodris von der Hafenwacht der einzige Vertreter des Militärs im Stück, ist ein Angeber und Macho, der denkt, er könne mit seinem Geld alles erreichen. (Genaugenommen kann er das auch. Soviel zur Moral.) Zeigt sich da nicht eine antimilitaristische Tendenz des Stückes, war Terenz etwa zu seiner Zeit ein Hippie?
Gnatho ist seines Zeichens Berufsschleimer und somit bester Freund von Thraso. Aber Gnatho belässt es nicht dabei, Thraso auszunutzen, nein, er lacht den „tapferen“ Soldaten hinter seinem Rücken aus. Der „Parasit“, wie er sich selbst nennt, ist ein falscher Fuffziger, wie er im Buche steht. Außerdem ist er ein schlechter Schauspieler. (Dass das dem General nicht auffällt, spricht nicht für dessen Intellekt.)
Aber: Zum Schluss sind alle Sünden, von der arglistigen Täuschung bis zum Diebstahl (schließlich kauft Phaidrias den Eunuchen vom Geld seines Vaters), verziehen, und Thraso, der Prototyp des einfältigen „miles gloriosus“, ist schließlich selbst schuld, dass er von allen nur benutzt wird. Und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, als ob mit dem Sieg der Liebe auch ein Sieg der Weiblichkeit über die eigentlich dominierende Männerwelt angedeutet würde. Wie konstatiert doch der Frauenhasser Parmeno: „Die Liebe ist der blanke Hohn auf jegliche Vernunft.“
Hannes C. Schott - alias Gnatho, der„Parasit“


DIE MITWIRKENDEN:

Phaidrias Annika Müller
Parmeno, Haussklave Kerstin Schorch
Thais Constanze Fehske
Gnatho, Parasit Hannes Schott
Pamphila Katharina Beiergrößlein
Chaireas Maximilian Hohe
Thraso, General Manuel Deutsch
Wilma Katrin Oppel
Pythia Cornelia Klupp
Chremes Katharina Babenko
Doria Dorle Thomas
Antiphon Valentin Bräunlein
Kastratos, Eunuch Hannes Krauss
Sanga, klampfender Koch Christian Speckner
Donax Simon Trendel
Simalio Alina Balosch
Syriskus Hannes Krauss
Sophrona, Amme Katrin Oppel
Simon Simon Trendel
Simone Alina Balosch
Titelbild/Plakat: Simon Trendel
Text: Versübersetzung von A.Thierfelder,
geändert und ergänzt
Regie
(mit allem Drum und Dran):
der Kurs
Leitung: Elmar Hofmann


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